Ausfallsicheres Internet für Arztpraxen: So bleibt Ihre Telematik-Infrastruktur auch bei Provider-Ausfällen online
Zusammenfassung (TL;DR)
Arztpraxen und Ordinationen sind heute vollständig vom Internet abhängig - E-Rezept, eAU, ePA und Kartenzahlung funktionieren nur online. Ein Ausfall bedeutet Papierrezepte, genervte Patienten und Umsatzausfall. Die Lösung: Internet-Redundanz durch LTE-Backup (ab ca. 30 EUR/Monat) oder echtes Internet Bonding für nahtlosen Betrieb ohne Unterbrechung. Die Investition rechnet sich meist nach dem ersten verhinderten Ausfall.
Warum Arztpraxen heute vom Internet abhängig sind
Die Zeiten, in denen eine Arztpraxis auch ohne Internet funktionierte, sind vorbei. Die Telematik-Infrastruktur (TI) hat das Gesundheitswesen digitalisiert - mit allen Vorteilen, aber auch mit einer kritischen Abhängigkeit: Fällt das Internet aus, stehen zentrale Prozesse still.
E-Rezept, eAU, ePA - ohne Internet geht nichts mehr
Seit 2024 ist das E-Rezept in Deutschland und Österreich Pflicht. Elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (eAU), die elektronische Patientenakte (ePA) und das Versichertenstammdatenmanagement (VSDM) laufen ausschließlich über die TI. Ohne Internetverbindung kann der Konnektor das Rechenzentrum nicht erreichen - und nichts von alledem funktioniert.
- E-Rezept: Ohne TI-Verbindung kein elektronisches Rezept möglich
- eAU: Krankschreibungen können nicht digital übermittelt werden
- VSDM: Versichertenkarten lassen sich nicht einlesen
- Kartenzahlung: Terminals benötigen eine stabile Verbindung
- Online-Terminbuchung: Für Patienten nicht erreichbar
- Befundübermittlung: Labor- und Facharztbefunde verzögert
Die Kosten eines Internetausfalls in der Praxis
Ein Internetausfall in einer Arztpraxis ist nicht nur ärgerlich - er kostet bares Geld. Bei durchschnittlich 30-50 Patienten pro Tag und einem Quartalsumsatz von 50.000-150.000 EUR bedeutet jede Stunde Ausfall einen signifikanten Verlust. Hinzu kommen indirekte Kosten: genervte Patienten, die zur Konkurrenz wechseln, und Mehraufwand durch Ersatzverfahren.
| Ausfallszenario | Direkte Kosten | Folgekosten |
|---|---|---|
| 1 Stunde Ausfall | 200-500 EUR Umsatzverlust | Patientenfrustration, Mehraufwand |
| Halber Tag | 1.000-2.500 EUR | Terminverschiebungen, Überstunden |
| Ganzer Tag | 2.000-5.000 EUR | Patientenabwanderung, Imageschaden |
Typische Ursachen für Internet-Ausfälle in Ordinationen
Um die richtige Absicherung zu wählen, lohnt ein Blick auf die häufigsten Ausfallursachen. Nicht jedes Problem lässt sich durch Redundanz lösen - aber die meisten schon.
Providerprobleme und Leitungsschäden
Die häufigste Ursache für längere Ausfälle: Der Provider hat ein Problem. Bauarbeiten durchtrennen Kabel, Router in der Vermittlungsstelle fallen aus, Software-Updates gehen schief. Hier hilft nur eine Leitung von einem anderen Anbieter - idealerweise über eine andere Technologie (z.B. Mobilfunk statt Festnetz).
Überlastung durch Telemedizin und Videokonferenzen
Telemedizin boomt - aber Videosprechstunden brauchen stabile Bandbreite. Wenn gleichzeitig große Dateien hochgeladen werden (Röntgenbilder, Befunde), kann die Leitung ins Stocken geraten. Hier helfen Quality of Service (QoS) Einstellungen, die medizinische Anwendungen priorisieren.
Veraltete Router und IT-Infrastruktur
Router, die älter als 5 Jahre sind, können zum Flaschenhals werden - besonders bei mehreren gleichzeitigen Verbindungen. Regelmäßige Firmware-Updates und moderne Hardware (WiFi 6, Gigabit-Ports) sind Grundvoraussetzung für einen stabilen Praxisbetrieb.
Ersatzverfahren bei TI-Ausfällen - das Pflaster, nicht die Lösung
Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben für TI-Ausfälle Ersatzverfahren definiert. Diese sind im Bundesmantelvertrag geregelt und sollen als Notlösung dienen. Das Problem: Sie sind umständlich, zeitaufwändig und nicht für den Dauerbetrieb gedacht.
Papierrezept (Muster 16) als Notlösung
Bei technischen Störungen darf das klassische Papierrezept (Muster 16) verwendet werden. Das klingt einfach, bedeutet aber: Rezeptblöcke müssen vorrätig sein, handschriftliches Ausfüllen kostet Zeit, und Patienten wundern sich über das 'veraltete' Vorgehen. Für die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) gilt: Sie muss später nachträglich digital übermittelt werden - zusätzlicher Aufwand.
Warum Ersatzverfahren keine Dauerlösung sind
- Höherer Zeitaufwand pro Patient (geschätzt +2-3 Minuten)
- Nachträgliche Digitalisierung erforderlich (eAU)
- Keine ePA-Nutzung möglich - wichtige Patientendaten fehlen
- Kartenzahlung weiterhin nicht möglich
- Patienten nehmen die Praxis als 'nicht modern' wahr
Die klare Empfehlung der KVen: Ersatzverfahren sollen nur in Einzel- und Ausnahmefällen angewendet werden. Praxen mit häufigen Ausfällen sollten in eine redundante Internetanbindung investieren.
Internet-Redundanz für Arztpraxen - die Optionen im Vergleich
Es gibt verschiedene Ansätze, um die Internetverbindung einer Praxis abzusichern. Die richtige Wahl hängt von Ihren Anforderungen, dem Budget und der Verfügbarkeit am Standort ab.
LTE/5G als Backup-Leitung
Die einfachste Form der Redundanz: Ein zweiter Internetzugang über Mobilfunk, der bei Ausfall der Hauptleitung einspringt. Viele moderne Router (z.B. FritzBox 6890, Teltonika RUTX-Serie) unterstützen automatisches Failover. Der Vorteil: Mobilfunk und Festnetz nutzen unterschiedliche Infrastruktur - ein Bagger, der das DSL-Kabel durchtrennt, betrifft das LTE-Netz nicht.
- Vorteile: Günstig, einfach einzurichten, verschiedene Infrastruktur
- Nachteile: Umschaltzeit (5-30 Sekunden), laufende Verbindungen können abbrechen
- Geeignet für: Praxen mit gelegentlichen Ausfällen, geringes Budget
Dual-WAN Router mit Load Balancing
Ein Schritt weiter: Der Router verteilt den Datenverkehr auf zwei Leitungen gleichzeitig. Fällt eine aus, übernimmt die andere. Der Nachteil: Einzelne Anwendungen nutzen nur eine Leitung - ein großer Download wird nicht schneller, weil er nur über eine Verbindung läuft.
Internet Bonding - mehrere Leitungen als eine
Die Premium-Lösung: Echtes Bonding bündelt mehrere Leitungen auf Paketebene. Das bedeutet: Die Bandbreiten addieren sich tatsächlich (50 + 50 = 100 Mbit/s), und der Failover erfolgt in Millisekunden - ohne dass laufende Verbindungen abbrechen. Videokonferenzen laufen weiter, VPN-Tunnel bleiben stabil.
| Eigenschaft | LTE-Backup | Load Balancing | Bonding |
|---|---|---|---|
| Failover-Zeit | 5-30 Sekunden | 1-5 Sekunden | Millisekunden |
| Verbindungen bleiben | Nein (Neuaufbau) | Teilweise | Ja (nahtlos) |
| Bandbreite pro Anwendung | Eine Leitung | Eine Leitung | Alle kombiniert |
| Komplexität | Gering | Mittel | Höher (Aggregator nötig) |
| Kosten (monatlich) | ca. 30-50 EUR | ca. 40-80 EUR | ca. 100-200 EUR |
Was kostet ausfallsicheres Internet für eine Praxis?
Die gute Nachricht: Internet-Redundanz muss nicht teuer sein. Schon mit überschaubarem Budget lässt sich die Ausfallsicherheit deutlich erhöhen.
Kostenbeispiel: DSL + LTE-Backup
- Primärer DSL-Anschluss (50-100 Mbit/s): ca. 35-50 EUR/Monat
- LTE-Backup-Tarif (Business): ca. 25-40 EUR/Monat
- Router mit Failover-Funktion: ca. 200-400 EUR (einmalig)
- Gesamtkosten: ca. 60-90 EUR/Monat + Einmalkosten
Kostenbeispiel: Managed Internet Bonding
- Bonding-Service (inkl. Aggregator): ca. 100-200 EUR/Monat
- Hardware (Miete oder Kauf): 0-50 EUR/Monat bzw. 300-800 EUR einmalig
- Bestehende Internetleitungen: bestehende Kosten
- Gesamtkosten: ca. 150-300 EUR/Monat all-inclusive
ROI-Rechnung: Wann rechnet sich die Investition?
Nehmen wir eine typische Einzelpraxis mit 4.000 EUR Tagesumsatz. Ein halber Tag Internetausfall kostet rund 2.000 EUR direkt plus Folgekosten. Internet Bonding für 200 EUR monatlich (2.400 EUR/Jahr) rechnet sich also bereits nach einem verhinderten halben Ausfalltag pro Jahr. Bei den meisten Praxen ist das ein sehr gutes Investment.
Anforderungen an die Telematik-Infrastruktur
Nicht jede Internetverbindung ist gleich gut für den Praxisbetrieb geeignet. Die TI stellt bestimmte Anforderungen an Bandbreite, Latenz und Stabilität.
Mindestbandbreite für TI-Anwendungen
Für den reinen TI-Betrieb (E-Rezept, eAU, VSDM) reichen theoretisch wenige Mbit/s. In der Praxis sollten es mindestens 16 Mbit/s Download und 2 Mbit/s Upload sein - besser mehr. Für Telemedizin mit Videokonferenzen empfehlen wir mindestens 50 Mbit/s symmetrisch.
Latenzanforderungen für Videokonferenzen
Für flüssige Videosprechstunden sollte die Latenz unter 100ms liegen - idealerweise unter 50ms. Bonding über einen Aggregator in Österreich (z.B. Wien) fügt typischerweise nur 10-20ms hinzu und ist damit für alle medizinischen Anwendungen geeignet.
Priorisierung kritischer Anwendungen (QoS)
Quality of Service (QoS) sorgt dafür, dass wichtige Anwendungen Vorrang haben. In einer Arztpraxis sollten TI-Verkehr, VoIP-Telefonie und Videokonferenzen höchste Priorität erhalten - vor Software-Updates, Cloud-Backups und Streaming. Professionelle Bonding-Lösungen bieten automatische QoS-Konfiguration.
Häufige Fragen zu ausfallsicherem Internet in Arztpraxen
Kann ich meine bestehenden Internetanschlüsse für Bonding nutzen?
Was passiert mit der Telefonie bei einem Internetausfall?
Ist LTE-Backup für die TI zugelassen?
Wie schnell ist der Failover bei einem einfachen LTE-Backup?
Brauche ich einen IT-Dienstleister für die Einrichtung?
Wie sieht es mit dem Datenschutz bei Bonding aus?
Fazit: Prävention statt Ersatzverfahren
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist nicht mehr aufzuhalten - E-Rezept, eAU und ePA sind gekommen, um zu bleiben. Damit wird eine stabile Internetverbindung zur kritischen Infrastruktur jeder Arztpraxis. Die Ersatzverfahren der KVen sind als Notlösung gedacht, nicht als Dauerzustand.
Die gute Nachricht: Ausfallsicheres Internet ist heute erschwinglich. Schon ein einfaches LTE-Backup für 30-50 EUR monatlich reduziert das Risiko erheblich. Für Praxen, die keine Unterbrechungen tolerieren können - etwa bei häufigen Videosprechstunden oder kritischen Patienten - ist echtes Internet Bonding die Lösung der Wahl.
Die Frage ist nicht, ob sich die Investition lohnt. Die Frage ist: Können Sie sich den nächsten Ausfall leisten?
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